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Wer heilt, hat recht, und was wirkt, ist wirklich

Wie konnte und kann es geschehen, daß trotz Ächtung durch die Religionen und trotz Aufklärung und modernem rationalem Weltbild, nach dem nichts gilt, was sich nicht wissenschaftlich beweisen läßt, Magie samt der damit verbundenen magischen Vorstellungen nach wie vor ein allgemeines, in den Volksseelen fest verankertes Phänomen ist? Jedenfalls läßt sich das Festhalten an magischen Gebräuchen in den etablierten Religionen, ebenso wie die jahrtausendealte Fortschreibung des Wissen einer als eigenständigen erachteten Magie, allein mit psychischer Affektion nicht erklären. Eine verständliche Antwort kann also nur im magischen Wirken selbst liegen. Zwar wurde von Anbeginn an Magie als ein wirksames Instrument erachtet, hätten sich aber andrerseits hierfür keine sicht- und spürbaren Belege gefunden, wäre sie wohl schon vor Urzeiten verworfen worden. Entgegen aller, die Magie begleitenden, Kritik, sie sei nur Lug und Trug, was sie freilich zu einem beachtlichen Teil tatsächlich war und ist, ist sie dennoch wirksam, und läßt sich in ihrer Wirksamkeit auch beobachten. Darüberhinaus gab es in der Gestalt der Iatromagie, der magischen Medizin, von jeher einen Zweig der Magie, dessen Wirksamkeit unübersehbar war und der der Magie insgesamt entsprechendes Ansehen und Glaubensgrund verschaffte; selbst wenn so manche unwirksame Therapie selten mit dem Versagen des Magiers, dafür um so häufiger mit dem Unwillen der Götter begründet wurde.

Gleichwohl sollte man den Vorwurf der Scharlatanerie an die Adresse der Magie nicht übersehen; wobei allerdings die simplen Gaukeleien der Taschenspieler, Beutelschneider und Hinterhofmagier hier nicht zum Gegenstand der Betrachtung werden sollen. Trotzdem, solange es magisches Handeln gibt, wird auch getrickst, wobei dies ebenso ganz im Sinne der Magie geschehen kann. Betrachten wir etwa, um ein archaisches Vorbild zu wählen, die verschiedenen Initiationsrituale der Stammeskulturen, bei denen den jugendlichen Adepten tödliche Angst und Schrecken bereitet wird, wodurch sie einer tiefgreifenden Erregung ausgesetzt werden, die streckenweise einem Nahtoderlebnis gleichkommt. Diese furchtauslösenden, überwältigenden Prüfungen sind allemal von den Eingeweihten inszeniert; von außen betrachtet sind sie nicht mehr als ein böses Spektakel. Für die Beteiligten aber sind sie weit mehr. Der eingeweihte Erwachsene, der in die Maske des Dämonen schlüpft, weiß durchaus, daß er sich verkleidet. In der Maske aber wandelt er sich. Er schlüpft in die Rolle des Dämons, und der Dämon schlüpft in ihn. Wobei er in kritischen Momenten, in denen das Leben des Adepten durch die Gewalt der Inszenierung auf dem Spiel steht, genau um das Spiel weiß und rechtzeitig einzugreifen versteht. Für den Adepten, der die Äußerlichkeit der Aufführung sehr wohl erfaßt, schließlich weiß er, was Masken und Verkleidungen sind, sind nicht die Darsteller das Erschreckende, sondern vornehmlich die durch die Darsteller anwesenden Dämonen. Daß er zudem das Spektakel in seiner Gänze nicht durchschaut, mag ihn nur noch zusätzlich schrecken. Am Ende einer solchen Initiation, nachdem er durch eine dramatische psychische Deposition eine innere Wandlung durchlebte, wird der Adept in aller Regel auch in die Mechanismen der Inszenierung eingeweiht. Der Trug wird ihm offenbart. Doch diese Einweihung hebt das ihm widerfahrene magische Geschehen nicht auf. Er lacht nicht über seinen "grundlosen" Schrecken, so wie wir beispielshalber nach einem Horrorfilm über unsere Furchtsamkeit lächeln können. Die Darlegung der Mechanismen bleibt eine Äußerlichkeit, die nicht als Trug, sondern als Mittel empfunden wird, durch das der magische Prozeß überhaupt in Gang gesetzt werden konnte. Insofern wird der Adept zum Ende seiner Inititiation, nachdem er zuvor das Wesen der Magie verstehen lernen durfte, in die Handhabung der Magie eingeweiht. Er lernt die Zauberei, und wird erst hierdurch zum vollständig Eingeweihten.

Magie ist und bleibt unfaßbar, solange wir sie auf ihren materiellen Charakter hin untersuchen. Sie funktioniert eben nicht nach dem gewohnten Schema unseres modernen Naturverständnisses: wenn A, dann B. Und so bleibt sie eine Kraft zwischen Himmel und Erden, die wir mit unserer Schulweisheit nicht erfassen können. Obgleich unsere Schulweisheit ausreichend ist, verschiedene wirksame Phänomene der Magie so verläßlich auszudeuten, daß wir sie ihrerseits wiederum sachverständig rationalistisch zu instrumentalisieren verstehen. Denken wir nur an die beiden häufigsten Schlagworte in diesem Zusammenhang, nämlich "Placeboeffekt" und "Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung". Beiden Faktoren begegnen wir alltäglich in den Medien, in den Ritualen der Verführung und der Macht, die ihrerseits in sich wieder durch und durch magische Elemente sind.

Will man die Wirksamkeit der Magie beleuchten, sollte man sich auch nicht von den Berichten ohnehin Magiegläubiger leiten lassen. Schließlich versetzt bekanntlich Glauben nicht nur Berge, sondern schafft sich auch die Geister, den Gläubigen zu heilen und zu quälen. Wesentlich informativer sind hingegen die Berichte jener, die die Existenz jeglicher okkulter Phänomene verneinen. So wurde einst in Brasilien das Wirken eines Magiers für das Fernsehen dokumentiert, der es im wahrsten Sinn des Wortes verstand, seine Opfer über große Entfernungen hinweg in grausamer Weise zu piesacken. Wobei die dargestellten Fälle nicht für die Kamera inszeniert wurden, sondern lange vor den Dreharbeiten geschehen waren. Das Vorgehen des Magiers bestand darin, in einem Ritual Nadeln in die Arme und Beine von Puppen zu stechen, die seine Opfer darstellten. Kurz darauf klagten die angeblich uninformierten Opfer über unerträgliche Beschwerden in den Extremitäten und suchten Ärzte auf. Diese staunten nicht schlecht, als sie diesen Patienten mehrere lange Nadeln aus Armen und Beinen herausoperieren mußten. - Soweit die Fernsehdokumentation, die natürlich die Kritiker solchen Hokuspokus nicht ruhen ließ. Sie interviewten nach der Sendung die vom Magier Gequälten und deckten auf, daß diesen entgegen der Berichterstattung zum einen eine Botschaft vom erfolgten Zauber übermittelt worden war, und daß sie sich zum anderen die Beeinträchtigungen selbst zugefügt hatten. Damit war der Schwindel aufgedeckt und die Welt scheinbar wieder in Ordnung. Allerdings vergaßen es die Kritiker, auch die Frage zu untersuchen, warum die Gequälten nur um eines erfolgten Zaubers willen dazu übergingen, sich selbst mit Nadeln zu piesacken und somit dem Tun des Magiers Wirkung einzuräumen. Wären sie dieser Frage nachgegangen, wären sie womöglich mit jenem Phänomen wirksamer Magie konfrontiert worden, das sich einer sachlichen Deutung entzieht. Und so haben wir auch hier, wie im Beispiel zuvor, nur ein durchsichtiges Instrumentarium, das das eigentliche Geschehen jedoch nicht erhellt.

Will man das wirksame Moment der Magie verstehen, sollte man sich ausschließlich auf seine Feinsinnigkeit oder besser gesagt seine Übersinnlichkeit verlassen, durch die sich einem jener vielbesagte Raum erschließt, den wir mit unserem Verstand nicht mehr ermessen können. Allerdings beruht das hierdurch erworbene Verständnis auf einer Widerfahrung, die sich einem ihr gegenüber Verschlossenen nicht vermitteln läßt. Möglichkeiten, sich diesen Raum zugänglich zu machen, werden uns im Verlauf der Schrift noch verschiedentlich beschäftigen und im praxisbezogenen zweiten Teil des Buches durch angemessene Übungen ergänzt. Bei meiner umfassenden Beschäftigung, grundlegende Strukturen für Orakel zu entwickeln, durfte ich mich mit den Eigentümlichkeiten dieser transzendenten Dimension vertraut machen. Ist doch die Findung eines Orakels ein erhellendes Hineingreifen und Hineinblicken in diese magische Sphäre, damit einem zufällt, was einem zufallen soll. Und je deutlicher die Strukturen dieses Raumes gesehen werden, um so eindeutiger klingt das Orakel und um so unvermittelter wirkt die magische Handlung. Dementsprechend bemerkte ich in meinem Buch "Orakelspiele":

Der Vorstellung eines mantischen Raumes liegt eine transzendierende Sicht zugrunde, in der sich das Empfinden von Zeitlosigkeit einstellt. Es ist ein scheinbar statischer Zustand, der andererseits auch von einer gewaltigen Dynamik durchdrungen ist... Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in einer solch geistigen Verfassung, die ich als Raum bezeichne..., als wirkende Einheit überschaubar... Die sphärischen Instrumente, mit denen der mantische Raum durchmessen werden kann, sind prinzipiell geistiger Natur. Ihr Gehalt und ihr Charakter läßt sich indessen entweder nur wortreich umschreiben, oder in bildhafter Weise durch überdauernde Übereinkunft in Symbolen konzentrieren. (Mala 9)

Zu guter Letzt sollte auch nicht übersehen werden, daß viele magische Mittel und Techniken von sich aus, ob man daran glaubt oder nicht, wirksame Instrumente für nicht alltägliche psychische Eindrücke sind. Kinder gehen damit selbstverständlicher um als Erwachsene, indem sie sich beispielshalber wie Derwische bis zum Schwindel drehen. Wir haben uns statt dessen angewöhnt ähnliche Techniken in einem magischen Rahmen zu zelebrieren und meinen dann fälschlicherweise, daß die gewählte Technik bereits ein magisches Wirken wäre; denken wir nur an das vorbereitende Hyperventilieren vor einer Rebirthing-Sitzung; an das Murmeln von Mantra; dem Sich-einlassen auf den Klang sakraler Toninstrument; der Stille während einer Meditation; das Fixieren von Bildern zur visuellen Stimulation; die sensuelle Ergriffenheit durch kontrollierte Berührungen; die Selbstfindung durch choreographierte Bewegungen; die herbeigeführte Ekstase durch Rhythmus und monotonen Tanz; und nicht zuletzt an den Gebrauch von Drogen, die mal Genußmittel, mal Rauschdroge und mal magisches Pharmazeutikum sein können. All diese Praktiken und Mittel beeinflussen in natürlicher und erklärbarer Weise fern von jeder Magie unsere Sinne. Freilich können sie auch zu einem magischen Instrumentarium werden, sobald sie in einem entsprechenden Kontext zelebriert, unsere Seele über den mechanisch "bezaubernden" Effekt hinaus anregen, sich lösend, Anderwelten zu erschließen.