Zwar werden mit jeder Mudra auch Urkräfte angesprochen, doch fließen je nach Komposition einer Mudra auch sekundäre Energien sprich seelen- und körperhafte Kräfte in das Siegel mit ein. Als Urkraft im angesprochenen Sinne sind vor allem kausale feinstoffliche Energien als auch transzendente Einflüsse gemeint; also jene Kräfte, die wir in unmittelbarer Verbindung mit der weltenschöpfenden Kraft wähnen. Während die kausale Kraft die uns beseelende Energie ist, die in Gestalt des heilen Seelengrundes das uns Wesenhafte ausmacht, entspricht die transzendente Kraft jenem Medium, durch das wir in Kommunikation mit dem Allumfassenden treten können. Freilich ist solche Kommunikation keine bedachte Zwiesprache, sondern ein im Tiefsten unseres Wesens empfundenes Angesprochensein, durch das uns Begnadung und Seligkeit widerfährt. Das Urkräftige in der Mudra ist somit auch eine wesenlösende Kraft, durch die wir spirituelle Vollendung und geistiges Heilsein erfahren. Von daher wirkt die Mudra auf karmische Verfestigungen der Seele ein.
Je nach religiöser Prägung sind die Vorstellungen von Karma verschieden. Grundsätzlich ist im hergebrachten religiösen Sinne unter Karma die transzendente Wirkung der guten und bösen Werke, die den Ablauf der Seelenwanderung bestimmen, zu verstehen. Im christlichen Verständnis, dem dieses Auffassung von Karma fremd ist, mag man Karma in Verbindung mit der Erbsünde setzen. Eine Übertragung, die der hier vorzutragenden Begrifflichkeit von Karma sehr nahe kommt. Gemeinhin geht zwar die Vorstellung von der Erbsünde mit dem Geschehen unter dem Baum der Erkenntnis im Garten Eden einher, der übrigens ein klassisches Kundalinisymbol ist, im eigentlichen Sinne ist mit ihr jedoch jener Zustand gemeint, der unserem Menschsein offenbar eigen ist, nämlich daß wir als Wesen entgegen dem ursrpünglichen Schöpferwillen der heiligmachenden Gnade nicht teilhaftig sind.
Karma in der hier vorgetragenen Begrifflichkeit bedeutet abweichend dazu, daß dem Menschen durch die ihn beseelende Kraft im Augenblick der Zeugung zwar eine heile Wesenhaftigkeit zuteil geworden ist, von der wir uns jedoch durch Individualisation soweit entzweien, daß wir uns identisch mit unserer Icherfahrung wähnen und stattdessen unsere eigentliche Wesenhaftigkeit lediglich als ein uns eingeborenes höheres Gewissen empfinden. Der hierdurch entstehende Konflikt "verfärbt" die kausale Kraft und entfremdet uns der Transzendenz und bedingt auf der persönlichen Ebene unsere psychische Konditionierung, die wiederum in einer gewissen Wechselbeziehung zu unserer physischen Verfassung steht.
Diese Spaltung von unserem ureigensten Sein erleben wir intuitiv als schicksalshafte respektive karmische Beschwerung. Und die Überwindung dieser so empfundenen Trennung deuten wir darauf als unser eigentliches Lebensziel, dem wir wohl zustreben, dessen Erfüllung wir aber um des befürchteten Identitäsverlustes wegen letztlich scheuen; bedeutete doch ein derartiges Eins werden, daß wir unsere personale Ichzentrierung aufgeben müßten. Folglich nähern wir uns unserer Wesenhaftigkeit wie dem Transzendenten in rationaler wie affektiver Weise, ohne dabei unsere Person zu überwinden. Wir verharren so in dem uns Bekanntem, in das wir lediglich das Unbekannte hinzudeuten. Wir bleiben unbegnadet, und das uns Wesenhafte erfüllt sich durch uns nur fragmentarisch. Und indem wir entgegen dem ursprünglichen Schöpferwillen unserem Menschsein nicht gerecht werden, fügen wir dem Unerfüllten ein weiteres hinzu, das als Karma, als sich noch zu Erfüllendes, verbleibt. Wobei sich dieses nicht als fortwährende Wesenhaftigkeit reinkarniert, sondern sich als Unerlöstes dem menschlichen Geist als ganzem einschreibt und ihn in dieser Weise fürderhin mitstrukturiert. - Wird Karma in dieser Weise verstanden, ist seine Lösung keine individuelle Aufgabe, um seiner Seele zur Seligkeit zu verhelfen, vielmehr bedeutet es dann, mit der Verantwortung für sich selbst sich auch verantwortlich für die Menschheit insgesamt zu empfinden.
Mudras und vor allem urkräftige Mudras, wie es etwa die sechs Gesten Buddhas sind, helfen uns, die Entfremdung von unserem ureigensten innersten Selbst zu überwinden. Sie werden gewissermaßen in eine höhere Sphäre hinein geformt. Der solcherart von höherer Warte aus gesetzte Impuls regt nicht nur kausale Kräfte an, sondern verbindet sie durch und in der Person, die die Mudra formt. Sie durchdringen zum einen absinkend dichtere Seelenkräften und körperhaften Energien und regen sie an, im Gleichklang zu schwingen, zum anderen verknüpfen sie sich aufsteigend mit metaphysischen Kräften, wodurch sich das Transzendente uns mitteilen kann und uns in stiller Schau erfahrbar wird. Dabei bleibt es unerheblich, ob die Mudra aus egozentrischer Sicht oder mystischer Innerlichkeit heraus geformt wird, der durch ihre Kraft eröffnete Quell fließt. Ob aus ihm allerdings ein mitreißender Strom oder ein müdes Rinnsal wird, liegt an unserer Bereitschaft uns auch mitreißen zu lassen. Kanalisieren wir nämlich nur die Kraft aus unserer Ichverhaftung heraus, mag sie uns zwar sensationell anmuten und wir durch sie seelisches und körperliches Wohl empfinden, doch wirkliches Heilsein bleibt uns dann versagt. Letztlich wird es daher nur der unverstellte ehrliche Blick auf uns selbst sein, der es uns ermöglicht, angestoßene Wandlungen zu erkennen, um uns als Gewandelte erneut der klärenden Wirkung der Mudra anzuvertrauen. In dieser Weise mögen wir uns allmählich zum Heil hin klären, wobei die Mudra uns zum Weg wird, den wir ein ums andere Mal aufnehmen, um ihn womöglich letztlich irgendwann um seiner selbst willen zu beschreiten und nicht seines vorbedachten Zieles wegen.